Die Sprache des Gegenübers verstehen

....der Schlüssel zu weniger Konflikten.
Kennst du das Gefühl, dass du etwas gut gemeint hast und dein Gegenüber trotzdem verletzt oder verärgert reagiert? Oder dass du dich einfach nicht verstanden fühlst, obwohl du dich klar ausgedrückt hast?
Oft liegt das Problem nicht darin, WAS wir sagen, sondern WIE wir es sagen und WIE es beim anderen ankommt.
Jeder Mensch spricht eine andere „Sprache“
Gemeint ist damit nicht eine Fremdsprache, sondern die Sprache, mit der wir unsere Gefühle ausdrücken, Liebe zeigen, Kritik aufnehmen oder auch Wertschätzung wahrnehmen.
Wir bringen alle unsere eigene Geschichte mit – zum Beispiel Erfahrungen, Erziehung und Prägungen. Diese individuelle Geschichte beeinflusst die Art, wie wir kommunizieren und was wir zwischen den Zeilen hören und lesen.
Auch die Bedürfnisse, die hinter dieser Art zu kommunizieren stehen, sind unterschiedlich. So braucht der eine klare, direkte und ehrliche Worte, während der andere zunächst einfühlsame und verständnisvolle Worte schätzt, weil er sich vom direkten Weg vielleicht überrumpelt oder überfordert fühlt.
Konflikte entstehen oft durch Missverständnisse
Daher können schnell Konflikte entstehen, obwohl hinter der Kommunikation keine böse Absicht steckt. Häufig hört oder liest das Gegenüber etwas anderes, als wir eigentlich ausdrücken wollten.
Ein Beispiel:
„Du meldest dich nie bei mir.“
Die andere Person hört jedoch:
„Ich mache immer alles falsch.“
Was vielleicht dahintersteckt:
„Ich vermisse dich und wünsche mir mehr Nähe.“
Die Worte können dann schnell wie ein Vorwurf wirken, obwohl dahinter vielleicht ein ganz anderes Gefühl oder Bedürfnis steckt.
Wenn wir nur auf die Oberfläche der Worte reagieren, kann daraus schnell ein Konflikt entstehen.
Manche Menschen sprechen lieber indirekt
Das liegt oft daran, dass manche Menschen nie gelernt haben, ihre Bedürfnisse und Gefühle offen auszusprechen, oder im Laufe ihres Lebens schlechte Erfahrungen damit gemacht haben.
Auch andere Unsicherheiten, wie die Angst vor Ablehnung oder vor der Reaktion des Gegenübers, lassen uns lieber den indirekten Weg wählen, damit wir uns nicht zu verletzlich zeigen müssen.
Ein Beispiel dafür findet sich in der Kennenlernphase.
Du möchtest gerne etwas mit einer dir wichtigen Person unternehmen, möchtest dich aber nicht direkt der Gefahr einer Zurückweisung aussetzen.
Statt zu fragen:
„Gehen wir gemeinsam dorthin?“
fragst du vielleicht:
„Gehst du auch dorthin?“
Hinter dieser unverbindlichen Frage kann sich aber ein ganz anderer Wunsch verbergen:
„Ich würde gerne mit dir gemeinsam dorthin gehen.“
Diese indirekte Frage kann in diesem Fall wie ein Schutz wirken, falls die andere Person anders reagiert als erhofft. Eine Zurückweisung fühlt sich dann vielleicht weniger schlimm an.
Gleichzeitig kann genau daraus ein Missverständnis entstehen. Die andere Person erkennt vielleicht gar nicht, dass hinter der Frage eigentlich der Wunsch nach einem gemeinsamen Treffen steckt, und antwortet lediglich auf die Frage, die gestellt wurde. So kann etwas, das für den einen wie eine indirekte Einladung gemeint war, beim anderen lediglich als ganz normale Frage ankommen.
Nicht nur Worte sprechen lassen
Ich finde es sehr wichtig, einen Menschen nicht ausschließlich nach seinen Worten zu beurteilen.
Ein Mensch kann sich sehr bemühen und trotzdem nicht die richtigen Worte finden.
Eine besondere Stolperfalle ist dabei WhatsApp & Co. Gerade bei schriftlicher Kommunikation entstehen schnell Missverständnisse, weil Tonfall, Mimik und Gestik fehlen. Schriftliche Worte können dadurch schnell anders verstanden werden, als sie eigentlich gemeint waren.
Daher lohnt es sich, genau hinzuschauen.
Vielleicht fällt es jemandem schwer, Gefühle auszudrücken, aber zeigt durch seine Taten, dass ihm etwas oder jemand wichtig ist.
Vielleicht findet dein Gegenüber nicht die richtigen Worte, fragt aber immer wieder nach, nimmt sich bewusst Zeit, hört aufmerksam zu oder versucht auf andere Weise, Nähe und Interesse zu zeigen.
Auch das ist Kommunikation!
Deshalb dürfen wir uns in solchen Situationen fragen:
Wie gibt sich der Mensch mir gegenüber?
Was zeigt mir sein Verhalten?
Passt das, was ich wahrnehme, zu seinen Worten?
Natürlich bedeutet das nicht, dass wir jedes Verhalten entschuldigen oder in einzelne Gesten etwas hineininterpretieren sollten.
Vielmehr geht es darum, dein Gegenüber als Ganzes zu betrachten und wahrzunehmen und nicht vorschnell anhand eines einzelnen Satzes zu beurteilen.
Verstehen statt sofort zu reagieren
Dies bedeutet für mich in erster Linie, neugierig und aufmerksam zu sein und zu bleiben.
Nicht sofort bewerten.
Nicht sofort etwas Böses oder Negatives annehmen.
Nicht sofort beleidigt reagieren oder sich zurückziehen.
Nicht sofort mit verletzenden Worten zurückschießen.
Sondern innezuhalten und sich zu fragen:
„Was wollte dieser Mensch mir eigentlich mitteilen?“
Vielleicht steckt hinter einem Vorwurf eine Verletzung.
Hinter einem Rückzug Unsicherheit.
Hinter einer Frage ein Wunsch.
Hinter wenigen Worten sehr viel, was aber nicht ausgesprochen werden konnte.
Da wir natürlich nicht in den Kopf unseres Gegenübers blicken können, geht es auch nicht darum, alles erraten zu können.
Es geht darum, die Sprache des anderen verstehen zu wollen.
Das bedeutet manchmal auch, mutig zu sein und nachzufragen.
Denn solange wir nicht sicher wissen, was der andere wirklich mit seinen Worten meint, sollten wir nicht unsere eigene Geschichte und Denkweise darüberstülpen und unter Umständen so reagieren, wie wir es später bereuen und vielleicht nicht mehr gutmachen können.
Die Sprache des anderen zu lernen, schafft Verbindung
Und sie zeigt auch Interesse und Wertschätzung.
„Was braucht dieser Mensch?“
„Wie zeigt er Nähe?“
„Wie drückt er Gefühle aus?“
„Was fällt ihm vielleicht schwer auszusprechen?“
„Und wie kommt meine eigene Art der Kommunikation beim anderen an?“
Diese Fragen zu hinterfragen, schafft ein besseres Verständnis für den anderen und fördert langfristig die Verbindung.
Denn echte Verbindung entsteht nicht dadurch, dass zwei Menschen immer dasselbe denken oder fühlen, sondern dort, wo beide bereit sind, sich gegenseitig zuzuhören und die Sprache des anderen kennenzulernen.
Mein Impuls für DICH
Beobachte dein Gegenüber bei eurem nächsten Gespräch ganz bewusst.
Achte nicht nur auf die Worte, sondern auch darauf:
Wie hat er es gesagt?
Was zeigt mir sein Verhalten?
Was könnte hinter den Worten stecken?
Und ganz wichtig:
„Weiß ich wirklich, was der andere meint, oder nehme ich es gerade nur an?“
Denn nicht alles, was wir hören, ist das, was der andere sagen wollte. Und nicht alles, was wir vermuten, entspricht der Realität.
Die Sprache des Gegenübers zu verstehen, bedeutet deshalb nicht, Gedanken lesen zu können.
Es bedeutet, offen zu bleiben, genauer hinzusehen und verstehen zu wollen, bevor wir urteilen.

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